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Der „doll Albett“

Ich höre Leierkastenlieder
und seh' den Spielmann vor mir steh'n.
Ich sehe ihn wie früher wieder
die kleine schwärze Orgel dreh'n .. .

von Alma Mühlhausen

Es ist schon lange her, dass Albert Schneider, von Alt und Jung „Doll Albett" genannt, über die bergischen Straßen zog und seine Weisen orgelte. Albert entstammte einer braven Besenbinderfamilie, die am Halzenberg bei Dhünn wohnte. Als junger Bursche kam er nach Remscheid und fand in der Ammeltschmiede beim Eduard Engels in Bliedinghausen Arbeit. Die Familie Engels gab sich redliche Mühe, Albert zu einem brauchbaren Arbeiter heranzubilden. Das Idiotenhafte in Albert aber vereitelte jede Erziehungsmöglichkeit.

Einen „Spleen" hatte Albert, der zur Groteske wurde: eine jede der fünf Töchter Eduard Engels wollte er heiraten. Sobald eins der Mädchen heiratete, warf Albert den Hammer hin und verschwand für einige Zeit. Als das letzte Mädchen Hochzeit hatte, trieb sich der Enttäuschte wochenlang in den Wäldern umher und kam zerlumpt und halb verhungert wieder zum Vorschein. Die Schmiede aber betrat er nicht mehr. Er verlegte sich aufs Besenbinden. Einen Stall in der Nähe der Familie Engels räumte er sich als Wohnung ein. Von da an datiert meine Bekanntschaft mit dem „Dollen Albett".Eines Sonntagsmorgens wurde die Familie Engels mitsamt der Nachbarschaft aus dem Schlaf geweckt. Da stand Albert, eine kleine schwarze Orgel drehend, vor den Fenstern des alten Bürgerhauses und grinste stolz und pfiffig hinauf. Heimlich hatte er sich das Geld für die Orgel, einen frühen Jugendtraum, erspart. Und der Orgel hat er auch seine ulkige Berühmtheit zu verdanken. Da war zuerst das Heim Alberts. Aufgeschüttetes Heu diente als Lagerstatt. Wurst, Brot, Käse, Heringe, Speck und sonstige Essbaren hingen an Bindfäden unter der schwarzen Stalldecke. Als ich ihn einmal fragte, warum er das mache, grinste er. „Müs, Müs" (Mäuse}. Das Abgehackte war so seine Sprechart.

Albert war nicht leicht zufriedenzustellen. Gab man ihm eine Kupfermünze, so schalt er: „Zwei Pennengk? Zwei Pennengk? Die gött mr em Beddelmann on kennem Spillmann", und meistens schob er die Münze verächtlich zurück. Was haben wir nicht für Schabernack mit dem dollen Albett getrieben! Oft haben wir seine Orgel mit Papier verstopft oder seine Walzen versteckt. Dann konnten wir gewiss sein, dass er am nächsten Tage auf dem Schulhof erschien und durch die Fenster hineinschimpfte. Bat ihn dann unser Rektor, den Unterricht nicht zu stören, ging's erst recht los. Albert zog nicht eher ab, bis ihm unser Rektor versprochen hatte, uns zu strafen. Und das geschah auch in der Regel.

Als wir Kinder es einmal zu arg mit ihm getrieben hatten, drohte er, uns zu erschießen. Und tatsächlich, eines Tages hielt er triumphierend eine „Pistoll" in der Hand. Wir lachten ihn aus — es war ein Kinderroller — und sagten, er habe ja keinen Waffenschein. Da ist dann der Albert zum Rathaus gegangen, das damals noch in der Elberfelder Straße stand, und hat um einen „Waffensching" gebeten. Der Beamte, der den Albert kannte, hat sich das Schießding zeigen lassen und erklärt, dass zum Tragen einer solch gefährlichen Waffe unbedingt ein Berechtigungsschein gehöre. Dann fertigte er dem Antragsteller einen aus, der folgenden Wortlaut hatte: „Albert Schneider ist berechtigt, Waffeln bei sich zu führen. Die Stadtverwaltung Remscheid."

Auch einen Stempel zeigte das Formular. Vom „Mosterschstoppen" hatte man das blaue Etikett entfernt und dieses, das die Aufschrift „Thomas-Senf" trug, aufgeklebt. Glückstrahlend zog Albert mit seinem „Waffenschein" los und zeigte ihn stolz umher. Als wir Albert ob des Scheines hänselten, schrie er: „Doll öste, doll Ö'ste. Ihr könnt jo nit lesen", und schoss mit seinen Pulverblättchen hinter uns drein. So war es auch stets, wenn wir Streit mit ihm hatten, dann funkelten seine verkniffenen Äuglein, während er schrie: „Schennöste, Schennöste, moen gönn ech nom Lehrer."

Die Familie Engels hatte ihre liebe Last mit dem Albert. Da ist dann manches ulkige Geschichtchen passiert. Einmal hatte man, wieder aus Mitleid, Albert zum Mittagessen eingeladen. Vorher aber wurde er von Herrn Engels gründlich gesäubert, da ihn stets ein Duft umwehte, vor dem auch die stärkste Nase kapitulierte. Da das Essen infolge widriger Umstände etwas spät begann, und ein Mitglied der Familie betete: „Er gibt uns seine Speise zu seiner Zeit", sprang Albert auf und schlug mit der Faust auf den Tisch. „Wat, wat?" brüllte er, „dat sall sing Zick sinn? Öm halver drei? Dann loos he schier en anger Zick maaken."

Krank war Albert, solange ich ihn kannte, nie. Er starb hochbetagt. Die Landstraße, über die er so oft mit seiner Orgel gewandert ist, wurde auch sein Totenbett. Eines Tages hat man ihn auf der Landstraße am „Stoller Look" in der Nähe Wermelskirchens tot aufgefunden. Mit ihm starb eins der ulkigsten Originale, die je über die bergischen Landstraßen gezogen sind. (aus: „Der Heimat zur Ehre. Bergischen Anekdoten und Geschichten“, 1960, von  Alma Mühlhausen. Mit freundlicher Nachdruckgenehmigung der Erbin Erika Kleuser)


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