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"Remscheid ist für mich zur Schicksalsstadt geworden!"

 

August Heinrich Fallbach, geboren am 04.02.1916 in Klein-Heidenau/ Ortelsburg, und seine Ehefrau Anna Marie Fallbach, geboren am 22.06.1922 in Ortelsburg:

„Die Stadt Ortelsburg liegt im Kreis Ortelsbug im masurischen Seengebiet, in Ostpreußen am Südostrand der Allensteiner Seenplatte. Im Januar 1945 wurde Ortelsburg von der Roten Armee erobert und anschließend unter polnische Verwaltung gestellt. Die Mehrheit der deutschen Einwohner war bereits geflohen, die Zurückgebliebenen wurden enteignet und zwangsweise in die deutschen Gebiete ausgesiedelt oder mussten die polnische Staatsangehörigkeit annehmen. Die Stadt erhielt den polnischen Namen Szczytno.

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Szczytno (deutsch Ortelsburg) ist eine polnische Stadt im Süden der Woiwodschaft Ermland-Masuren. Dort sind wir geboren und aufgewachsen. Ich war Berufssoldat, meine Frau hatte nach ihrer Ausbildung bei der Reichsbahn eine Anstellung dort und war für verschiedene logistische Arbeiten bei der Reichsbahn zuständig.  Als Berufssoldat war ich im Jahr 1939 hier in Remscheid stationiert. Remscheid gefiel mir schon damals, es war für mich sofort ein kleines, verträumtes bergisches Städtchen, in dem man sich wohlfühlte. In der Zeit war ich bei einer Familie Gerstäuer in der Mozartstraße einquartiert.

 

Im August 1944, als ich zwei oder drei Tage Sonderurlaub hatte, haben meine Frau und ich in der Kirche in Willenberg in der Nähe von Ortelsburg unter Bombenhagel geheiratet.  Ich geriet dann in Gefangenschaft und war in einem Internierungslager der Engländer in Wuppertal. Nach meiner Entlassung aus dem Internierungslager am 24. Juli 1945 wusste ich nicht, wo ich hin sollte. Da fiel mir wieder die schöne Stadt Remscheid ein. Mit der Straßenbahn bin ich hierhin gefahren und habe das ausgebombte Remscheid gesehen. Ich habe dann die Familie Gerstäuer in der Mozartstraße besucht. Die gaben mir sofort ein Notquartier. Ich konnte bleiben.

Meine Frau lebte in der ganzen Zeit noch in Ortelsburg. Als die russische Armee immer näher kam, ist sie von dort geflohen, das war im Januar 1945. Auf verschiedenen umständlichen Wegen kam auch sie nach Remscheid. Hier lebte eine Großtante. Das hat fast ein Jahr gedauert, am 2. Advent 1945 war sie in Remscheid. Sie hatte noch ihre Eisenbahnpapiere, das hat ein der Zeit einiges erleichtert. In Remscheid angekommen, hat sie mich gesucht.

Die Familie Gerstäuer war mit Wiederaufbauarbeiten beschäftigt. Irgendwie waren wir Schicksalsgenossen; ich hatte meine Heimat verloren, Gerstäuers ihr Haus. Wir haben das Haus so gut es ging wieder aufgebaut und ich hatte ein Heim, wenn es auch nur eine Notwohnung war.Gerstäuers haben mich Ende Juli 1945 aufgenommen. Obwohl es alles nur behelfsmäßig war, gab es zwischen uns keinerlei Probleme. Es gab allerdings in der Umgebung Leute, die fragten Gerstäuers, wie lange sie denn den Fremden noch beherbergen wollten.

Über alle Behörden habe ich versucht, mich anzumelden und eine Arbeit zu finden; ich musste doch irgendetwas tun! Ich habe mich bei der Polizei, der Bahn und der Stadtverwaltung Remscheid beworben, schriftlich und mit Lebenslauf. Der damalige Personalchef der Stadtverwaltung Herr Selve, auch eine Bekannter der Familie Gerstäuer konnte mich nicht einstellen und hat mich an die Feuerwehr verwiesen.  Bei der Feuerwehr habe ich dann eine Aufnahmeprüfung gemacht und eine Gesundheitsprüfung. Am 16. September 1945 wurde ich bei der Feuerwehr mit Ernennungsurkunde als Beamtenanwärter eingestellt. Am selben Tag erhielt ich von der Polizei eine positive Mitteilung, dass ich angestellt werden konnte.

Mein Verdienst als Beamtenanwärter betrug für die ersten sechs Monate 79 Mark, nachher waren es dann 170 Mark. Von den 79 Mark konnte man nicht wirklich leben, vieles musste immer noch entbehrt werden. Aber bei der Feuerwehr fühlte ich mich beheimatet, ich hatte eine Arbeit und ich war Beamter. Ich konnte mich auch hocharbeiten.

Durch meine Dienststelle konnte ich dann mit meiner Frau eine eigene Baracke in Lennep beziehen. Es war eine Holzbaracke. Es zog überall, im Winter hatten wir in der Baracke Eiszapfen. Von den Abräumhalden in ganz Remscheid habe ich Ziegelsteine mitgebracht, die wir auf dem Kanonenofen warmgemacht haben. Die Ziegelsteine haben die Wärme lange gehalten. Abends legten wir die Ziegelsteine als Wärmespender ins Bett. Es gab auch keine Kanalisation. Ein Bettgestell haben wir von der Feuerwehr bekommen, die Matratzen von Frau Butzbach. Frau Butzbach war Angestellte der Feuerwehr, sie war die Mutter innerhalb der Feuerwehr und hat allen geholfen, die Hilfe brauchten. Der Feuerwehrmantel war unsere Zudecke, Aber wir hatten unsere „eigene „ Baracke und waren gesund, wir waren glücklich.

Meine Frau hat im Herbst 1946 hat eine Anstellung bei der Firma Stenner & Co, einer Kartonagenfabrik gefunden. Sie hat dort täglich zehn Stunden gearbeitet und dafür 19 bis 20 Mark Wochenlohn erhalten. Zusätzlich hat sie bei der Firma Steinhaus abends und am Samstag als Helferin gearbeitet. Der Stundenlohn dafür lag bei 30 Pfennig, später waren es dann 40 Pfennig. Es gab Monate, da hat sie mehr Verdienst mit nach Hause gebracht als ich, das hat mich schon geärgert. Wir hatten noch unsere Sparbücher aus Ostpreußen im Wert von einmal über 7.000 und einmal fast 2.000 Reichsmark. Im Zuge der „Umwandlung“ haben wir dafür dann 1947 ungefähr 600 Mark erhalten.

Nach ungefähr drei Jahren, 1948 konnten wir in ein festes Haus einziehen, in die Lenneper Straße 282. Warme Ziegelsteine und nicht zugige Bretter waren nun unser Quartier, welch ein Glück! Die Toilette, also die Entsorgung der Eimer, befanden sich zwei Etagen tiefer im Treppenhaus. An Miete haben wir 21 Mark gezahlt, Strom kostete elf Pfennig die Kilowattstunde, das waren an Verbrauch monatlich 8 bis 9 Mark.

Es ergab sich die Gelegenheit, von einer Bekannten für sechs Mark zwei Hühner abzukaufen. Die haben wir im wahrsten Sinne des Wortes gepflegt und hatten sodann immer frische Eier. Auch jetzt gab es Menschen, die uns dafür beneideten. Schließlich waren wir doch die Flüchtlinge, und hatten mehr als die anderen, die nicht geflüchtet waren. Es gab schon solche Gelegenheiten, in denen wir oft geschluckt haben, wo es Neid gab, darüber, dass wir erfolgreich waren. Wir wurden von manchen Neidern als „nur Zugereiste“ bezeichnet.

Als die Stadtmitte von Remscheid wieder aufgebaut wurde, habe ich versucht, in der Baustraße eine Wohnung zu bekommen. Und es hat geklappt. Aber das Geld für Möbel fehlte. Ich habe damals eine verbotene Nebentätigkeit gemacht, damit wir Möbel kaufen konnten; ich habe Ziegelsteine gesäubert. Für jeden gesäuberten Ziegelstein bekam ich zehn Pfennig. Ich hatte um 12 Uhr Dienstschluss bei der Feuerwehr und ab 13 Uhr habe ich dann bei Frantzen Ziegelsteine gesäubert und die Schnapsbrennerei mit aufgebaut.

Die Lage der 40qm großen Wohnung in der Baustraße später war optimal. Ich war in fünf Minuten an meiner Dienststelle der Feuerwehr in der Baracke am Rathaus. Wir waren schnell in der Stadt, auf dem Markt oder auch mal im Kino. 1954 wurde die Dienststelle der Feuerwehr dann im Rathaus eröffnet.

1955 habe ich als Brandmeister mit der Besoldunggruppe A 8 einen Verdienst von 471 DM gehabt, 1967 wurde ich zum Hauptbrandmeister befördert und nun nach A 9 besoldet. Bis zu meiner Pensionierung 1976 habe ich meinen Dienst bei der Remscheider Feuerwehr verrichtet.

Bei all dem Vorwärtskommen blieb trotzdem immer mal wieder der Schmerz des Heimwehs. 1963 haben wir uns zum ersten Mal getraut, nach Ostpreußen zu reisen, selbst zu sehen, wie unsere Heimat jetzt aussieht. Dort lebten jetzt fremde Menschen, die man nicht verstehen konnte. Das Wiedersehen war furchtbar. Wir waren in einem Waisenhaus in Düsseldorf und wollten ein Kind adoptieren. In dem Waisenhaus war auch ein Junge im Alter von zwei Jahren. Er war krank und wirkte apatisch. Das Waisenhaus hatte den Jungen schon so gut wie abgeschrieben. Über zwei Jahre lang hatten wir diesen Jungen als Pflegekind, 1965 haben wir den Jungen adoptiert. In der Zeit hatten wir natürlich festgestellt, dass die Wohnung zu klein war. Ich habe mich dann nach Bauplätzen erkundigt. Wir haben uns Baugrundstücke in Pohlhausen und Westen angeschaut. Auch im Struck gab es Bauplätze, aber keine Baugenehmigungen. Eine solche zu bekommen gestaltete sich anfangs schon schwierig.

Über der Dienststelle der Feuerwehr im Rathaus war damals schon die Baubehörde untergebracht. Mit verschiedenen Kollegen der Baubehörde entwickelte sich im Laufe meiner Dienstzeit seit dem Umzug 1954 ein guter kollegialer Kontakt, der mir beim Bau unseres Hauses oft hilfreich war. Sei es bei den Zeichnungen des Architekten über verschiedene Empfehlungen zu Unternehmen bis hin zur Bauabnahme. Das Haus hier habe ich mit meinen Händen gebaut. Natürlich hatte ich dabei Hilfe. Angefangen habe ich 1966. Der Hausbau war abhängig vom Einsatz vieler freiwilliger Helfer, vom Baumaterial und nicht zuletzt auch vom Geld. Am 16.08.1968 sind wir in unser eigenes Haus Am Wiesenhang eingezogen.

Damals, als wir nun einen Jungen hatten und beide arbeiten waren, gestaltete sich so ein Tagesablauf schon mal schwierig. Die Berufstätigkeit und das Kind ließen sich oftmals schlecht miteinander in Einklang bringen. Durch meinen 24 Stunden Dienst war ich öfter mal zuhause und konnte mich um den Kleinen kümmern. Manchmal war der Kleine auch bei der Nachbarin. Im Alter von vier Jahren kam der Junge dann in den Kindergarten. Als Protestanten haben wir ihn bei der Lutherkirchengemeinde angemeldet. Das hat aber nicht geklappt. Meine Nachbarin, eine strenge Katholikin empfahl mir, mal beim katholischen Kindergarten von St. Marien vorzusprechen. Ich glaube heute noch, sie hat Fürsprache für uns gehalten. Obwohl wir keine Katholiken waren, hatte Schwester Isenschutt unseren Sohn dort aufgenommen. Damals war die Kindergartenzeit von 8 bis 12 Uhr. Aber Schwester Isenschutt hat in Ausnahmen unseren Sohn auch nachmittags zwei Stunden da behalten. Auch das war in dieser Zeit nicht selbstverständlich, sondern eigentlich außergewöhnlich.

Die ganze zeitliche Planung zwischen Beruf und Familie, Geld verdienen und Kind erziehen gestaltete sich bis zum Ende der Schulzeit unseres Sohnes oftmals als schwierig. Es gab Zeiten, da erfolgte die Kommunikation zwischen mir und meiner Frau nur über handgeschriebene Zettel. Da unser Sohn ja adoptiert war, kam auch regelmäßig ein Mitarbeiter des Jugendamtes zu uns. Oftmals hatten wir den Eindruck, dass die Besuche nur Kontrollbesuche waren und nicht als Hilfe gedacht waren. Das hat sich aber geändert, wir haben viele Hilfestellungen vom Jugendamt und Gesundheitsamt für unseren Sohn bekommen.

Durch gute Kontakte zur Nachbarschaft hat meine Frau 1969/ 1970 eine Anstellung in der Registratur bei Dr. Meindl im Gesundheitsamt bekommen. Später ist sie dann nach einer Weiterbildung mit dem Röntgenwagen und den TBC test in die Altersheime und ins Gefängnis mitgefahren. Manche Strafgefangene haben aber dafür gesorgt, dass sie nachts nicht mehr ruhig schlafen konnte; die Belastung wurde zu groß. Da hat sie aufgehört.

Gerade in den ersten Jahren hier in Remscheid haben wir jeden Tag überlegt, was noch an Arbeiten möglich war, um zu Geld zu kommen. Aber das ging uns nicht alleine so. Es gab auch Monate ,da hat der gute Verdienst meiner Frau aus der „freien Wirtschaft“ mich geärgert. Ich weiß nicht, ob wir das alles so auch hingekriegt hätten, wenn wir hier in Remscheid nicht die freundlichen, hilfsbereiten Menschen wie Gerstäuers, Smolkas, Butzbach und wirkliche Freunde und Kollegen angetroffen hätten.

So wie ich bereits 1939 von dieser Stadt fasziniert war, waren es auch zehn meiner damaligen Kameraden. Die haben hier in Remscheid alle ihre Frau fürs Leben gefunden und haben hier Remscheider Frauen geheiratet. Das Bergische Land und Remscheid haben mich damals und heute noch begeistert. Remscheid ist für mich zur Schicksalsstadt geworden, aber nur im positiven Sinne: Ich bin ein Remscheider, ich lebe für Remscheid!


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