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In Nürnberg gab es Begrüßungsgeld und Essensmarken

Hans Konnerth, geboren am 20.12.1956 in Schönau/ Siebenbürgen, seit dem 13. Juni 1985 in Remscheid:

„Schönau liegt in Siebenbürgen, im Kreis Alba, Rumänien. Der rumänischer Name lautet „ona“  Die Siebenbürger Sachsen sind eine deutschsprachige Minderheit im heutigen Rumänien, aus dem Landesteil Siebenbürgen. Sie stellen die älteste noch existierende Siedlergruppe der deutschen Ostsiedlung dar. Ihr Gebiet hatte nie Anschluss an reichsdeutsches Territorium, sondern gehörte früher zum Königreich Ungarn bzw. zum Kaisertum Österreich. Während 1910 etwa 250.000 Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen lebten, waren es im Jahr 2007 noch knapp 15.000. Die Mehrheit der Bevölkerung wanderte seit den 1970er Jahren und in einem großen Schub ab 1990 nach Deutschland aus. Organisierte Gemeinschaften von Siebenbürger Sachsen leben in nennenswerter Anzahl auch in Österreich, Kanada und den USA.

Meine Frau, meine beiden Kinder und ich sind 1985 von Siebenbürgen nach Deutschland ausgewandert. Vorher war das so gut wie unmöglich. Als Kinder wurden wir in Rumänien bereits schikaniert, weil wir Deutsche waren. Wir hatten in Siebenbürgen deutsche Schulen und Gymnasien, wir sprachen deutsch und unseren Dialekt. Die Idee, irgendwann mal auszureisen war eigentlich immer gegenwärtig, konnte aber nicht ungesetzt werden. Die Machenschaften des rumänischen Systems wollten wir aber unseren Kindern ersparen.

Über Freunde aus Remscheid, die uns zu sich eingeladen hatten, haben wir die Einreisegenehmigung nach Deutschland bekommen. Wir hatten zwar auch Verwandte in Süddeutschland, wollten aber dort nicht hin. Mit der Einreisegenehmigung für Deutschland mussten wir die Ausreiseerlaubnis aus Rumänien beantragen. Das hat dann auch nicht allzu lange gedauert, bis wir diese Ausreisegenehmigung erhielten. In unseren rumänischen Reisepässen erhielten wir das Visum für die Einreise nach Deutschland. Wir konnten auch alle zusammen ausreisen.

Am 9. Mai 1985 sind wir ausgereist. Wir waren zunächst in einem Durchgangslager in Nürnberg. Von dort wurden wir nach der Landesstelle in Unna Massen gebracht. Dort verblieben wir ca. einen Monat. Bei der Ausreise aus Rumänien und Ankunft in Deutschland hatten wir lediglich ein paar Koffer mit Kleidung und ein paar Kisten mit Hausrat, die Mitnahmemöglichkeiten waren ja auch begrenzt. In Nürnberg erhielten wir dann den sogenannten Registrierschein, der uns als Spätaussiedler registrierte und für alles weitere Grundlage war.

Schon vor der Ausreise hatten wir von Freunden gehört, dass es nicht einfach wird, dass in Deutschland viele Menschen ohne Arbeit sind. Natürlich hat uns das geängstigt. Wir haben uns gefragt: Wie geht es weiter, in einem Land das wir nicht kennen mit zwei Kindern? In Nürnberg bekamen wir ein Begrüßungsgeld und Essensmarken. Außerdem schenkte man uns einen Schlafanzug und ein Nachthemd für jeden. Wir kamen uns seltsam vor. In Siebenbürgen hatten wir ja gearbeitet und so schlecht ging es uns nicht. Aber kaum waren wir in Deutschland angekommen, erhielten wir Geschenke; wir kamen uns irgendwie arm vor.

Nach Unna Massen sind wir mit dem Zug gefahren. Dort hatten wir ein Zimmer, ca. 15 qm für sechs Personen, meine beiden Kinder, meine Frau, ihre Eltern und ich. Das Zimmer war schmutzig, wir hatten drei Etagenbetten, das war alles schon enttäuschend . Wir wussten aber, dass wir nur kurz in Unna bleiben würden.  Unsere Tochter haben wir schon in Unna zur Schule in die zweite Klasse geschickt, unser kleiner Sohn besuchte in Unna einen Kindergarten. Unser Sohn war 3 ½ Jahre alt und sprach noch nicht so gut deutsch, sondern nur unseren Dialekt. Da gab es schon mal Missverständnisse.

Von Unna Massen aus habe ich über einen Bekannten bereits in Remscheid einen Arbeitsplatz gefunden, als Schleifer bei der Firma Richard Janssen. Ich habe aber noch gewartet, bis alle Unterlagen, Papiere, Übersetzungen, Führerschein usw. vollständig waren. Das hat ca. einen Monat gedauert. Bei der Firma Janssen habe ich insgesamt drei Jahre gearbeitete.

Am 13. Juni 1985 sind wir mit einem Kleinbus von Unna Massen nach Remscheid in die Schwelmer Straße 55 gefahren. Das war auch ein Übergangsheim, aber viel besser als in Unna Massen; für uns vier Personen hatten wir 28 qm. Dort haben wir 1 ½ Jahre gewohnt. Das Übergangsheim war voll belegt mit Spätaussiedlern aus allen Ländern.  Von der Schwelmer Straße sind wir in die Emil Nohl Straße umgezogen. In den 1 1/2 Jahren in der Schwelmer Straße hatten wir gut sparen können. Wir bekamen für unseren Sohn relativ schnell, nach ca. drei Monaten, einen Kindergartenplatz im Kindergarten Albrecht-Thaer-Straße. Die Tochter wurde in die Freiherr von Stein Grundschule eingeschult.

Nachdem der Junge im Kindergarten war, konnte meine Frau sich um eine Anstellung bemühen. Sie ist ausgebildete Friseuse und Verkäuferin, ich bin ausgebildeter Werkzeugschleifer und Organist. Unsere Ausbildungen sind hier auch als gleichwertig anerkannt worden. Mein damaliger Verdienst bei der Firma Richard Janssen lag bei zwölf DM Stundenlohn. Netto blieb davon am Monatsende ca. 800 DM übrig. Wir konnten davon gut leben, wir haben ja auch alles selbst gekocht, so wie wir es gewohnt waren. Wir kannten doch keine Currywurst oder so etwas. Später hatten wir gelegentlich ein ungutes Gefühl, als wir hörten, was andere Spätaussiedler aus Siebenbürgen verdienten. Wir kamen uns dann schon mal schäbig vor mit unserem Verdienst. Erst mit der Zeit haben wir rausgekriegt, dass die anderen uns immer den Bruttolohn genannt hatten. Eines aber wussten wir immer: wir schaffen das gemeinsam, zwar in kleinen Schritten und nicht in großen Sprüngen.

Meine Frau ging bei der Firma Götze als Aushilfe täglich sechs Stunden arbeiten, ein Jahr lang. Danach als Montagearbeiterin ein Jahr bei Firma Edscha. Sie war immer auf der Suche nach einer vernünftigen Anstellung, bei der Beruf und Kinder unter einen Hut zu bringen war. Als dann bei der evangelischen Kirche ein Küster gesucht wurde, hat sie sich beworben und die Stelle auch bekommen.

Mit der Anstellung als Küster haben wir die Küsterwohnung bezogen, das war am 1.7.1988. In der ganzen Zeit aber haben wir gewusst, dass wir unbedingt Kontakt zu anderen Leuten brauchten. Ich bin deshalb in den Gesangsverein Remscheid Süd eingetreten, ich wollte raus aus der ethnischen Gruppe der Spätaussiedler aus Siebenbürgen. Heute besteht der Gesangsverein nicht mehr. In diesem Verein habe ich Kontakte zu allen möglichen Menschen und deren Berufen geknüpft.

Einer der Vereinskameraden arbeitete bei der Stadt in der Abteilung Straßenbau. Er hat mir geraten, mich bei der Stadt zu bewerben. Das habe ich getan, mit Erfolg. Am 1.7.1988 habe ich als Straßenbauarbeiter angefangen, jetzt bin ich seit 20 Jahren dabei. Durch die Kirche, die Gemeindemitglieder der Kirchengemeinde und den Gesangsverein haben wir viele Kontakte gefunden. Aber man muss auch selbst etwas tun und nicht wie in einem Schneckenhaus sitzen.

Schwer gewöhnt haben wir uns an die schwarzen Häuser. Die bergischen Schieferhäuser kannten wir noch nicht einmal aus Erzählungen. Wir wussten nur, dass in Deutschland alle Häuser weiß sein sollten. 1992 haben wir uns das Haus gebaut; das war schon schwer. Allein der Gedanke, Schulden zu haben, bereitete Bauchschmerzen. Wir haben das dann mit den Eltern /Schwiegereltern gemeinsam geschultert und geschafft. Allein hätten wir das nicht in Angriff genommen. Mittlerweile wohnen wir mit drei Generationen unter einem Dach - und es funktioniert.

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Die Kirchengemeinde hat regelmäßig Hilfstransporte organisiert. 10 mal hatten wir die Möglichkeit, einen Hilfstransport nach Rumänien zu begleiten. Dadurch wurde unser anfängliches Heimweh gestillt. Die ersten fünf Jahre war dieses Heimweh schon schwer zu ertragen. Diese Besuche aber waren heilsam, es geht uns mittlerweile gut. Jetzt würde uns nichts bewegen, nach Siebenbürgen zurück zu kehren.

Durch den Gesangsverein haben wir ein sehr nettes Ehepaar, Anita und Volker Leonhardt, kennengelernt, die uns im Übergangsheim in der Schwelmer Straße regelmäßig besucht haben. Sie haben uns Hilfestellung gegeben bei Bewerbungen usw. Das Ehepaar hat uns ständig motiviert und begleitet. Das war ein echtes Glück für uns.

Was uns bewegend in Erinnerung geblieben ist, war, dass der Singkreis der evangelischen Kirche Lennep Weihnachten 1985 in das Übergangswohnheim Schwelmer Straße kam und für uns Weihnachtslieder gesungen hat. Wir fühlten uns dadurch in den Kreis aufgenommen und nicht alleine gelassen.

Man hatte uns zwar erzählt, dass Remscheider stur wären, aber wir haben noch keinen getroffen. Uns kommt es vor, als hätten wir schon immer hier gelebt. Wir können uns nicht vorstellen, woanders zu leben. Remscheid ist nicht unsere zweite Heimat, Remscheid ist unsere erste Heimat. Es gibt so viele Möglichkeiten durch Kontakte Neues zu entdecken, man muss es nur wollen. Um akzeptiert zu werden, muss man natürlich auch selbst was tun. Remscheid und die Menschen hier bieten dafür vielfältige Möglichkeiten.


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