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"Das Leben baut auf Menschen auf, nicht auf Religion"

Ich bin Arslan Günebakan und am 29. Mai 1938 in Elazig in Mittelanatolien geboren. Ich habe eine Schwester und drei Brüder. Ich war das dritte Kind meiner Eltern. In Elazig besuchte ich bis zu meinem 18. Lebensjahr die Schule, danach habe ich meinem Vater bei der Landwirtschaft geholfen. Eine Ausbildung habe ich nicht gemacht. Mit 19 Jahren bin ich nach Istanbul geflogen und habe dort als Angestellter in einem Lebensmittelgeschäft gearbeitet. Mit 20 Jahren ging ich zum Militär. Dort war ich 30 Monate bei der Militärpolizei. Beim Militär hatte ich den Traum, Europa zu sehen, nicht unbedingt, um dort zu arbeiten. Ich wollte andere Länder in Europa sehen.

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Im Juni 1962 war mein Militärdienst beendet. Zurück in Istanbul, habe ich mich beim dortigen deutsch-türkischen Arbeitsamt nach einer Möglichkeit erkundigt, wie ich meinen Traum leben könnte. Ich musste abwarten. In der Zwischenzeit habe ich gearbeitet und monatlich 1.000 türkische Lira verdient, das waren ca. 450 DM. Mitte 1963 habe ich dann vom deutsch-türkischen Arbeitsamt Bescheid erhalten, was Arbeiten in Europa angeht. Auf Rat meines Vaters und vieler anderer Älteren sollte ich mich für Deutschland entscheiden. Das habe ich dann auch beim Arbeitsamt gesagt.

Ich wurde ärztlich untersucht, so wie noch weitere 14 Männer. Wir mussten uns alle vollständig ausziehen. Das war alles unwürdig. Aber: Nach drei bis vier Wochen waren die erforderlichen Unterlagen vollständig; alle 15 Männer kamen nach Deutschland. Es gab die Auswahl: Frankfurt, Hamburg oder Remscheid. Wir haben auf der Landkarte nachgeguckt und uns für Remscheid entschieden.

Die Zugfahrt über Bulgarien, Jugoslawien und Österreich dauerte drei Tage. Am Remscheider Hauptbahnhof holte uns ein Betriebsrat der Deutschen Edelstahlwerke – DEW –  ab. Er nahm uns mit zu sich nach Hause und gab uns Frühstück. Bei der DEW hatten wir alle einen Jahresvertrag. Wir wurden dann in ein Wohnheim in der Ewaldstraße 23 gebracht. Dort wohnten bereits Holländer, Spanier, zwei Inder und ein paar Deutsche. Dort waren auch zwei Frauen, die gekocht haben. Für die Unterbringung und Verpflegung wurde jedem 220 DM vom Lohn abgezogen. Es war schwer für uns, wir haben geweint, jedes Mal, wenn es Schweinefleisch gab. Wir hatten doch noch kein Geld, um uns selber was zu kaufen. Erst, als wir den ersten Lohn erhielten, haben wir uns selbst Eier, Käse usw. kaufen können.

Unser Stundenlohn betrug 3,60 DM. Wir haben 200 bis 210 Stunden im Monat gearbeitet. Am Ende des Monats blieben aber nur ungefähr 500 DM übrig. Davon haben wir ca. 150 DM für eigene Lebensmittel und 100 DM als Taschengeld verwendet. Für Wäsche waschen mussten wir auch extra bezahlen. Im zweiten Monat hier in Remscheid wurde das Heimweh sehr groß, Zweifel kamen auf. Wir wollten nicht im Wohnheim leben mit deutschem Essen, was wir nicht essen durften, und dafür auch noch bezahlen. Mit Hilfe eines Dolmetschers aus Köln haben wir unsere Probleme dem Arbeitgeber gesagt. Wir konnten dann aus dem Wohnheim ausziehen. Ich habe mit einem Kollegen zusammen in der Steinstraße ein Zimmer im Dachgeschoß für 60 DM pro Person gefunden. Wir haben selbst gekocht. Einmal hat mein Kollege vergessen, den Herd auszuschalten. Das Zimmer brannte. Es ist sonst nichts Schlimmeres passiert. Aber trotzdem hat uns der Vermieter sofort rausgeschmissen. Damals waren die Menschen eigentlich sehr freundlich. Im Sommer 1964 saß ich alleine auf einer Bank vor dem Bahnhof, als mich ein alter Mann ansprach. Er wollte nicht glauben, dass „Osmanen“ nach Remscheid kommen, um zu arbeiten. Ein Jahr später kamen 160 Türken.

1965 habe ich meinen Führerschein gemacht. Ich habe dann einen Volkswagen gekauft für 4.000 DM. Ich wollte mit dem Auto in der Türkei Urlaub machen und meine Familie wiedersehen. Im Juni 1966 bin ich mit drei anderen Türken in die Türkei gestartet. Wir sind nicht weit gekommen. Bei Montabaur hatten wir einen schweren Unfall. Das Auto war Totalschaden. Ich fuhr dann mit dem Zug nach Istanbul und von dort weiter zu meiner Familie und blieb dort vier Wochen. Ich habe zuhause erzählt, dass es in Deutschland nicht so leicht ist, Geld zu verdienen.

Dann kam in Deutschland die erste Krise. 1966 wollte ich nach Australien. Ich ging zum Konsulat. Meine Papiere waren alle in Ordnung, ich hätte fahren können. Für die Reise nach Australien musste ich mit einem Schiff fahren. Die Schiffsreise hätte 2.000 DM gekostet. Die hatte ich nicht, also blieb ich hier in Remscheid. Dann kam eine neue Regierung in Deutschland. Unter Willy Brandt ging es auch für mich wieder aufwärts. Wir hatten wieder Arbeit.

1966 hatte ich eine deutsche Freundin. Sie hat damals im Kaufhof gearbeitet. Wir waren zusammen Tanzen und im Kino. Wir wollten heiraten. Ihre Mutter war dagegen. Wir haben uns trotzdem getroffen. Als ich dann im Sommer im Urlaub in der Türkei war, erhielt ich von meiner Freundin einen seltsamen Brief; sie habe jemand anderen kennengelernt. Das Ende war vorhersehbar.

1967 habe ich hier in Remscheid eine Schwedin kennengelernt. Sie wurde schwanger. Wir haben dann gemeinsam in Solingen einen Schnellimbiss aufgemacht. Als unsere Tochter geboren wurde, konnte sie nicht mehr mitarbeiten. Meine Tochter heißt Sevim. 1970 wollte meine Freundin zurück nach Schweden. Ich sollte auch mitkommen. Als ich 1971 aus meinem Türkeiurlaub zurück kam, hatte ihr Bruder sie bereits abgeholt. Ich habe im November 1971 meine Arbeit gekündigt und bin nach Schweden gezogen. Dort war nur Schnee und minus 40 Grad. Das habe ich nicht lange ausgehalten, nur drei bis vier Monate. Anfang April 1972 war ich wieder in Remscheid. Sie sollte und wollte mit unserer Tochter nachkommen, wenn ich Arbeit und Wohnung gefunden hatte.

Als ich dann eine Arbeitsstelle bei der BARMAG und eine Wohnung in Neuenhaus gefunden hatte, habe ich sie angerufen. Aber sie kam nicht. Ich wurde krank und bekam Depressionen. Ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich war ein Jahr lang krank. Meine Tochter war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre alt. Erst fünf Jahre später habe ich sie wiedergesehen. Mittlerweile hat Sevim in Schweden selbst eine Familie.

1986 machte ich wieder einmal Urlaub in der Türkei. In Istanbul habe ich meine Frau Halise kennengelernt. 1987 haben wir geheiratet. Meine Frau hat noch ein Jahr gebraucht, um ihr Geschäft in Istanbul aufzulösen. Seit 1988 leben wir hier gemeinsam in Remscheid, in meinem Haus in der Emil-Rittershaus-Straße. 1989 wurde unsere Tochter Evrin geboren. 1975 hatte ich mich mit einer Gaststätte in der Carl-Friederichs-Straße selbstständig gemacht. Das Einkommen war gut, ich konnte viel sparen, vier Jahre lang. 1980 war es in Remscheid unmöglich, eine Mietwohnung zu finden. Es blieb nur die Möglichkeit, etwas zu kaufen. Also habe ich das Haus in der Emil-Rittershaus-Straße gekauft. Die Kosten der Renovierung haben mich fast aufgefressen. Seit 1995 ist alles bezahlt, ich habe es geschafft.

Meine Frau hat erst viel später angefangen, deutsch zu lernen. Es ist noch ein bisschen schwer für sie, aber sie lernt jeden Tag dazu, und es macht ihr Freude, wenn sie sich unterhalten kann. Meine Tochter Evrin will Psychologie studieren. Einen Studienplatz zu finden ist gar nicht so einfach.

Von den 15 Männern, die 1963 nach Remscheid kamen, sind nur noch zwei in Remscheid, einer davon bin ich. Ich lebe jetzt seit fast 50 Jahren hier. Ja, der Anfang war schwer, aber die Kontakte, die für ein gutes Leben notwendig sind, habe ich selbst hergestellt. Ich bin auf die Menschen zugegangen, egal ob Deutsche, Spanier oder Türken. Die Türken hier in Remscheid habe ich auch erst hier in Remscheid kennengelernt. Auch in Gaststätten habe ich Menschen kennengelernt und auch mal ein Bierchen mitgetrunken. Das muss schon mal sein. Ein bisschen Anpassung muss eben sein. Als Erstes muss man die Sprache lernen, damit man sich mit den Menschen unterhalten kann. Wenn ich in Urlaub in der Türkei bin, bekomme ich Heimweh nach Remscheid. Ich komme in der Türkei nicht mehr klar. Das Leben baut nicht nur auf Religion auf, sondern auf den Menschen.


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