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"Ich kann nicht rufen: 'Hey, kümmert euch um mich!' “

Ich heiße Siegmar Balke und wohne in Taiwan. Bis 1976 habe ich in Remscheid gelebt. In der Barmag habe ich eine Lehre als Werkzeugmacher gemacht und nach meinem Maschinenbau- Studium 1973 dort als Service-Ingenieur für Chemiefaser-Maschinen angefangen. Im Rahmen dieser Tätigkeit wurde ich fast ausschließlich auf Langstrecken eingesetzt (Asien, Australien, Süd-Amerika). Bei einem neunmonatigen Aufenthalt in Taiwan 1976 / 77 habe ich meine Frau in kennen gelernt. Dort haben wir 1977 geheiratet. Trotz der Heirat war es in Taiwan nicht angebracht, Hand in Hand auf der Strasse spazieren zu gehen.

In der Familie meiner Frau war sie die einzige Person, die englisch sprach. Die Verständigung mit den Geschwistern meiner Frau funktionierte halbwegs, aber mit den Schwiegereltern gab es doch große Verständigungsprobleme, zumal die Schwiegereltern auch nur taiwanesisch sprachen und nicht, wie heute üblich, Mandarin chinesisch. In Taipei gab es zu dem Zeitpunkt eigentlich keine großartigen Unterschiede zwischen Taiwanesen und Ausländern, da der Vietnam-Krieg tobte und viele amerikanische Soldaten auf Taiwan ihren Urlaub verbrachten.

Klicken führt zum 'Zeitstrahl' der AusstellungIm August 1977 flogen meine Frau und ich nach Deutschland. Unsere Wohnung befand sich in einem neu erbauten Mietshaus an der Ecke Ringstr. / Hackenberger Strasse. Die Hälfte der Wohnungen waren an Barmag- Mitarbeiter vermietet. Das half uns schon einmal ein Stück weiter, da ich einige der Leute gut kannte. Ich konnte meiner Frau nur alles auf die Schnelle erklären, da ich drei Wochen nach unserer Ankunft schon wieder weiter nach Süd-Amerika musste und erst am Heiligabend 1977 wieder nach Lennep kam. Meine Frau war gezwungen, sich während meiner Abwesenheit selbst durchzuboxen.  Meine Eltern, die zu der Zeit in Radevormwald lebten, haben versucht, meine Frau so gut wie möglich zu unterstützen. Auch die Nachbarn und Freunde haben geholfen. Meine Frau hatte auch schnell Kontakt zu dem asiatischen Krankenhauspersonal in Lennep. Auch in dem Supermarkt in Hackenberg war das Verkaufspersonal  sehr rücksichtsvoll. Nur in der Lebensmittel-Abteilung war der bergische Muff zu spüren. Die Kassiererinnen waren äußerst unfreundlich zu meiner Frau, wenn sie versuchte, den zu zahlenden Betrag genau abgezählt zu geben. Wenn man merkte, dass ich dazu gehörte, änderte sich die Situation, und etwas Freundlichkeit kam zum Vorschein.

Dass meine Frau von Taiwan her gewöhnt war, Gemüse oder Obst auf dem Markt erst per Hand zu prüfen, sah man auf dem Lenneper oder Remscheider Wochenmärkten auch nicht gerne. Bei Italienern, Griechen und Türken war diese Art von “Begutachtung” wiederum erlaubt. Meine Frau hat nach einiger Zeit Gemüse, Obst, Reis, etc. fast ausschließlich bei “Ausländern” gekauft.

Richtige Integrations-Probleme hat es allerdings nie gegeben. Unsere Mieter-Gemeinschaft war sehr gemischt. Die Leute stammten nicht alle aus Lennep, sondern aus anderen Städten, was die Integration sehr erleichterte. Zwischenzeitlich bekamen wir auch noch einen kleinen Garten zugesprochen, wo wir unser eigenes Gemüse anpflanzen konnten. Dieser Garten hat ebenfalls die Integration erleichtert, da meine Frau mit den Nachbarn aus der Max-Eyth Strasse in Kontakt kam. Immer wenn ich von einer Dienstreise nach Hause kam, hatte meine Frau wieder neue Leute kennen gelernt, die ich gar nicht kannte.

Seit der Ankunft in Lennep 1977 hat meine Frau auch direkt Deutsch-Kurse bei der VHS in Remscheid belegt. Nebenbei blieb ihr ja auch nichts anderes übrig als nach dem System „Augen zu und durch” vorzugehen. Schließlich war sie die meiste Zeit hier in Remscheid auf sich allein gestellt. Ohne Deutschkenntnisse kommt keiner weiter.

Im Jahr 1982 bekam ich von Barmag das Angebot, die Service-Station in Taipei für 4 Jahre zu leiten. Ich war sofort einverstanden. Meine Frau wollte nicht so Recht von Deutschland weg. Sie war zwar erst fünf Jahre in Lennep, jedoch anscheinend schon voll integriert. Zwischenzeitlich hatten wir auch schon eine Tochter, geboren 1979, und einen Sohn, geboren 1981. Meine Frau hatte sich Sorgen bezüglich Kindergarten und Schule gemacht. Wir haben dann trotzdem das Angebot von Barmag angenommen und sind im Frühjahr mit Möbel und Hausrat . nach Taiwan übergesiedelt.

In Taiwan wohnten wir etwas komfortabler als in Lennep. Wir wohnten in einem Mehrfamilienhaus mit großem Swimmingpool und vielen Freizeitgeräten. Das Haus lag an einem Berghang und in einem Gebiet, wo viele “Ausländer” wohnten. Unsere Kinder besuchten zuerst einen phillippinischen Kindergarten, in dem aber nur englisch gesprochen wurde. Anschließend ging es in die Taipei-American-School. In dieser Schule wurden ca. 1.200 Schüler aus 35 Ländern unterrichtet. Alles nach amerikanischen Prinzip, was ja nicht immer von Vorteil sein muss. Der soziale Bereich war einwandfrei organisiert : Schulbusse, Mittagessen, 20 Minuten zum “Relaxen” vor Schulschluss, Elternsprechtage im Beisein von Schulpsychologen, halbjährliche Schulfeiern, viele Tagesausflüge in die nähere Umgebung Taipei’s. Mc Donalds, KFC, Dunkin Donuts, etc. direkt um die Ecke. Dazu viele japanische Restaurants, da sich die Taipei-Japanese-School direkt gegenüber der Taipei- American-School befindet. Alle Einrichtungen waren innerhalb von zehn Minuten von unserer Wohnung erreichbar. Also eine echte Multikultur. Von Integrationsproblemen keine Spur. Das Wort „Integrationsproblem“ kannte, glaube ich, noch nicht einmal jemand.

Ich persönlich hatte während dieser Zeit nie irgendwelche Probleme mit Verständigung. In den Firmen wurde sowieso englisch gesprochen. In den Restaurants in unsere Umgebung ebenfalls. An den Straßenständen wurde per Fingersprache bestellt, und einige chinesische Worte kannte ich ja mittlerweile schon. Der Straßenverkehr war zu der Zeit etwas gewöhnungsbedürftig für Ausländer wie mich. Aber nach kurzer Zeit fuhren wir schlimmer als die Taiwanesen und hatten nur Probleme, uns bei den jährlichen Reisen nach Deutschland, wieder an die korrekten Regeln im deutschen Straßenverkehr zu halten.

In der Zeit von 1982 bis 1991 eröffnete meine Frau 3 Pubs in denen deutsche Gerichte, nach Vorgaben meiner Frau, angeboten wurden. Unsere Grill-Haxen waren die Besten in Taipei. Zu der Zeit war auch die taiwanesische Chemiefaser-Industrie, Baumwoll-Industrie, etc. voll im Aufwind. Aus diesem Grund alleine hatten wir ständig eine feste Stamm-Kundschaft. Nebenbei fühlten sich viele Taiwanesen zu unseren Pubs hingezogen, da es erstens mal etwas anders zum Speisen gab und man zweitens noch englische Konversation üben konnte.

1991 folgte dann der große Abschied von Taiwan. Unsere Tochter war mittlerweile zwölf Jahre alt, und wir mussten uns für ein Land entscheiden. In USA wären die Schul- und späteren Schulgebühren zu hoch gewesen, also zurück nach Lennep. Wir hatten kurz vorher ein Haus in der Christhauser Straße gebaut. Ich bin mit den beiden Kindern vorab, 1991, nach Deutschland geflogen, um die Einschulungsformalitäten zu klären. Unser Sohn kam in die Grundschule Hackenberg und unsere Tochter auf die GHS Hackenberg. Die nächste Integrationsstufe war fällig. Unsere Tochter wechselte später auf das Röntgen-Gymnasium und unser Sohn machte den Hauptschulabschluss an der GHS Hackenberg und später das Fachabitur.

Im Jahr 1992 kam meine Frau nach Lennep. Jetzt war alles etwas angenehmer. Eigener Grund und Boden, und ich selbst blieb vorerst für fünf Jahre in der Abteilung Kundendienst der Barmag im Innendienst. Von Integrationsproblemen in Lennep wieder nichts zu spüren. Meine Frau kannte ja viele Leute von früher. Mit unseren neuen Nachbarn hatten wir auch direkt gute, freundschaftliche Kontakte. Dienstlich änderte sich bei mir eine Kleinigkeit. Ein Wechsel vom Kundendienst in die Versuchsabteilung.

Ab 2000 planten meine Frau und ich vage den Rückzug nach Taiwan. Meine Frau gründete vorsichtshalber schon einmal eine Handelsvertretung unter ihrem Namen. 2002 flog meine Frau dann nach Taiwan, um unser zukünftiges Geschäft in Taiwan vorzubereiten incl. Wohnungsbeschaffung, etc.. Ich habe im Frühjahr 2003 bei Barmag gekündigt und bin sofort nach Taiwan geflogen, um beim Aufbau unseres Geschäfts in Taipei zu helfen. In unserem Haus in Lennep wohnte noch meine Mutter und unsere beiden Kinder.

Für mich kam jetzt eine neue Aufgabe zu. Wir wohnten jetzt nicht mehr in dem feinen Ausländerviertel außerhalb Taipeis, sondern dort, wo die “Klein-Industrie” angesiedelt ist, die für unsere Teile-Produktion aber immense wichtig ist. Wir vertreiben Komponenten für Chemiefaser-Maschinen, Chemiefasern, Komplette Maschinen-Umbauten, etc.. In unserem Wohnviertel sprechen max. ein Prozent der Bewohner englisch, aber ich komme mit meinen, jetzt etwas besserem chinesisch (40 Worte anstatt der ursprünglichen zehn Worte). Ich habe in unserer Wohngegend auch noch keinen Ausländer gesehen. Obwohl ich eigentlich ein Exote für die Nachbarn hier bin, dreht sich glücklicherweise niemand nach einem um. Ich falle sozusagen nicht auf, was auf eine gute Integration hinweist.

Im vergangenen Jahr wurde mein Magen auf Grund von Magenkrebs entfernt. Die zwölfstündige OP verlief reibungslos. Die Betreuung durch die Ärzte und Krankenschwestern war optimal. Die medizinische Versorgung und die Medikamente einwandfrei. Das Krankenhaus legt großen Wert auf Freundlichkeit, um den Patienten etwas vom immer vorhandenen Stress zu nehmen. Ich weiß nicht, ob ich eine derartige Betreuung je in Deutschland erhalten hätte.

Fazit: Integration muss immer von zwei Seiten kommen. Ich kann mich nicht hinsetzen und rufen: „Hey, kümmert euch um mich!“


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Kommentare

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Willi Huber am :

Ich bin sehr, sehr traurig. Mein Freund, Arbeitskollege und Kumpel, mit dem ich viele schöne Tage in Taiwan verbracht habe, ist von uns gegangen. Siegmar war immer hilfsbereit zu allen Leuten, man konnte ihn Tag und Nacht, wenn nötig, anrufen, wenn man Hilfe brauchte. Manchmal frage ich mich, warum müssen gute Menschen Uns so früh verlassen. Wenn ich unsere gemeinsamen Fotos betrachte, kommen mir die Erinnerungen und Tränen.

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